Hans Meid

Hans Meid (Pforzheim 3. Juni 1883 – Ludwigsburg 6. Januar 1957) gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach Ausbildung an der Karlsruher Akademie und einem Intermezzo als Porzellanmaler an der Meißner Manufaktur als Leiter der Porzellanmalerei ließ er sich 1908 in Berlin nieder. Die Berliner Secession bot dem jungen Maler und Grafiker die ideale Bühne für seine Impressionen. Früh, um 1910, fand er zu einem spezifischen Stil der Radierung.

Er zeichnet sich durch eine malerische Wirkung unter Verwendung der kalten Nadel aus. Die Thematik rankt sich um Liebespaare, Akte, Badende, Reitende oder Flanierende und entspringt einer Welt jenseits der Realität. Bei der Illustrierung von literarischen oder musikalischen Stoffen ist eine Tendenz zur dramatisch gesteigerten Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen erkennbar. Seinen Durchbruch erzielte Meid mit den Zyklen Othello und Don Juan 1911/12; letzterer markiert den Beginn der Zusammenarbeit mit Paul Cassirer. Die Motive sind durch Aufenthalte in Venedig und Florenz inspiriert – Meid war Träger des Villa-Romana-Preises des Deutschen Künstlerbundes – und zeichnen sich durch ein virtuoses Gegenspiel von Licht und Schatten aus.

Vermutlich hätte Meid keinen Anlass gesehen, sein dem Zeitgeschehen entrücktes Weltbild zumindest vorübergehend in Frage zu stellen, wäre nicht auch auf ihn ein Ereignis von einschneidender Bedeutung zugekommen. Als das Deutsche Reich 1914 Russland den Krieg erklärte, wurde Meid als Armierungssoldat in die Festungsstadt Küstrin einberufen. Dank einer Intervention von Max Liebermann gelang Meids Versetzung in die kartographische Abteilung des Stellvertretenden Generalstabs in Berlin. 1915 begab er sich zu Vermessungsarbeiten an den polnischen Kriegsschauplatz. Nachfolgend entstand eine Reihe von Druckgraphiken, in denen durch Zuspitzung und Abstrahierung allgemeine Aussagen über Not, Leid und Tod gelingen.

Mitten im Krieg, 1916, brachte der Leipziger Seemann-Verlag die erste Mappe von Radierungen Meids zur Bibel heraus. Bei den Darstellungen wechseln Tumult und Ruhe, Masse und Einzelperson, Dunkel- und Helligkeit, Nacht und Tag. Auffällig ist die Herausstellung von physischer und psychischer Gewalt. So wie der mit Meid befreundete Beckmann seine Erlebnisse als Soldat in dem Lithographiezyklus Die Hölle visionär zur Anschauung brachte, drängte es Meid, die brutale Zerstörung der von ihm besichtigten Orte durch Illustrierung grausamer Bibelstellen zu verarbeiten.

1919 wurde Meid zum Außerordentlichen Professor an die Vereinigten Staatsschulen für Kunst in Berlin berufen. Bühnenbildarbeiten für Max Reinhardt, Wandmalereien in dessen Theater „Komödie“ am Kurfürstendamm und zahlreiche Reiseimpressionen aus dem Süden ergänzten das umfangreiche druckgraphische Schaffen während der Weimarer Republik.

Der NS-Ideologie stand Meid ablehnend gegenüber. Dennoch geriet er als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und Vorsteher des Meisterateliers für Graphik in der Nachfolge von Käthe Kollwitz in den Strudel der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“. Als einer der wenigen Senatsmitglieder trat er jedoch nicht der NSDAP bei. Als Buchgestalter und Illustrator verlegte er sich auf politisch unverfängliche Titel der Unterhaltungsliteratur. Insgeheim verfasste er in den folgenden Jahren eine Reihe von Spottgedichten auf den Nationalsozialismus, die an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig lassen. Trat nach 1933 die Buchgestaltung in den Vordergrund von Meids bibliophilem Schaffen, hat er doch auch weiterhin Werke der Weltliteratur illustriert. Seine Entwürfe wie zu Heinrich Heines Buch der Lieder blieben aufgrund der rigiden Kulturpolitik im „Dritten Reich“ aber unveröffentlicht. 1943, nach Zerstörung seiner Villa in Berlin-Steglitz durch Bomben und dem Verlust der dort gelagerten Werke, begannen Jahre der Flucht und Vertreibung. 1947 wurde er von Theodor Heuss, damals Kultusminister des Landes Württemberg-Baden, an die Staatliche Kunstakademie Stuttgart berufen.

Überblickt man Hans Meids künstlerisches Werk, so ist es vor allem durch arkadische Schönheit, geheimnisvolle Begebenheiten und menschliche Leidenschaft bestimmt. Eine Besonderheit besteht in der reizvollen Verbindung von malerisch-theatralischem und musikalischem Ausdruck, wie schon Paul Cassirer feststellte.